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Warum kein Kind lieb ist

Warum man nicht lieb sagen sollte

Wir Menschen fassen alles in Worte.

Es gibt dutzende Begriffe für ein Gewässer. Mit zahlreichen Wörtern beschreiben wir, wie wir essen. Und für Schnee gibt es nicht nur in der Sprache der Eskimo viele unterschiedliche Namen.

Wenn wir aber beschreiben wollen, dass es unserem Kind gut geht, fällt uns oft nur ein Wort ein: lieb.

Das Kind ist lieb. Du bist lieb.

Mit dem Wort lieb machen wir es uns einfach

Kurz nach dem Ende des Wochenbetts spazierten Andrin, das Kind und ich durch unseren Berliner Kiez. Das Wetter war toll, unser Sohn satt und zufrieden. Er blinzelte uns glücklich aus dem Kinderwagen an. „Ach, er ist so lieb!“, sagte Andrin.

Ich merkte, dass ich nicht zustimmen konnte. Ich fand unseren Sohn nicht lieb. Nicht während dieses Spaziergangs und auch nicht in anderen Situationen. Mit diesem Wort habe ich ein Problem.

Wir verwenden das Wörtchen lieb inflationär und als Sammelbegriff in allen möglichen Situationen. Eigentlich wollen wir sagen, dass unser Kind toll mitmacht. Dass wir uns freuen, wie es an der vielbefahrenen Straße wartet. Oder das wir feststellen, wie glücklich es aussieht. Stattdessen sagen wir: „es ist so lieb“.

Wie Andrin bei unserem Spaziergang. Was sie sagen wollte, war, wie sehr sie sich freut, dass es unserem Sohn gut geht. Dass er keinen Grund hat, zu schreien. Gesagt hat sie das aber nicht.

Auf unserem weiteren Weg führten wir eine kleine Diskussion über das Wörtchen lieb.

Kein Neugeborenes ist lieb. Denn lieb ist das Gegenteil von frech, von fies und unanständig. Das Gegenteil von böse. Aber Kinder sind nicht böse. Sie lernen die Welt kennen und müssen uns und unsere Regeln und Gebräuche erst verstehen. Deswegen ist ein Kind nicht böse, wenn es etwas anders macht, als wir es uns wünschen.

Böse sind Menschen, die anderen bewusst Schaden zufügen. Welchem Kind möchte man so etwas unterstellen? Wir aber machen es uns einfach und sprechen vom „lieben Kind“. So schwingt immer auch das böse Kind mit.

Lieb ist das Gegenteil von böse

Auch wenn wir mit unseren Kindern reden, nutzen wir das Wort lieb. Das Kind soll „lieb sein, wenn es bei der Oma ist“. Lieb sein, sonst „gibt es keinen Nachtisch“.

In diesen Situationen meinen wir jedoch etwas anderes. Vielleicht soll das Kind kurz stillhalten, damit wir ihm den Pullover anziehen können. Oder es soll bei der Oma nicht zu wild toben. Das aber sagen wir nicht, wir sagen einfach nur „sei lieb“. Wie soll ein Kind wissen, was GENAU wir damit meinen?

Ich habe mir vorgenommen, bei unserem Sohn komplett auf das Wort lieb zu verzichten. Ich will, dass er immer weiß, was ich konkret von ihm möchte. Er soll sich auf meine Worte verlassen können.

Und vor allem: Ich möchte ihm niemals das Gefühl geben, er sei weniger liebenswert oder gar böse, nur weil er gerade nicht das macht, was ich wollte.

Und am Ende unseres Spaziergangs war auch Andrin überzeugt :-).

Viele lieben Dank an Andrin von www.momandart.de, die mir dabei half, meine Gedanken für diesen Text zu sortieren.

6 Kommentare

  1. Nerdsfrau sagt

    Ich sage den Satz: „Das ist aber lieb von Dir,“ eher in dieser Intention: Das wäre nicht nötig gewesen. Das ist etwas, das ich gerade NICHT erwarte oder fordere. Denn es ist etwas, das Du getan hast, weil Du lieb im Sinne von achtsam zu mir oder anderen bist.
    Du teilst Deine Gummibärchen mit mir. Du gibst die Schaufel auf dem Spielplatz einem anderen Kind. Du gibst das geliehene Förmchen zurück, wenn das andere Kind geht. Das ist nicht selbstverständlich und ich nehme das auch so wahr.

    • Christopher sagt

      Probiere es doch mal aus, statt „lieb“ eher zu sagen, dass du dich freust, dass dein Kind die Schaufel zurückgegeben hat. Oder noch besser: „Du hast die Schaufel zurückgegeben, darüber freut sich jetzt sicher das andere Kind“. Das versteht dein Kind sicher viel besser als ein verklausuliertes „Das ist aber lieb“. Denn eigentlich möchtest du ja etwas viel konkreteres sagen.

  2. Iris sagt

    Der Beitrag ist gut und regt zum Denken an.
    Im Kiga gab es einen Vortrag zum Thema Grenzen setzten. Dort wurde uns gesagt, dass Kinder (und auch viele Erwachsene) abstrakte Wörter wie z.B. „nicht“ nicht verstehen oder überhören … „Lauf nicht auf die Strasse“ und wir überdenken sollen, lieber das zu sagen, was wir wirklich wollen … „Bleib auf dem Gehweg“ oder „Lauf an meiner Hand.“
    Es bedarf ein Umdenken, nicht immer einfach, aber wichtig.
    Dennoch, manchmal muss ein klares „Nein“ auch reichen und, ehrlichgesagt, manchmal weiss ich einfach nicht, wie ich es anders sagen kann.

    • Christopher sagt

      Liebe Iris, das Wörtchen „nicht“ versuchen wir auch ganz wenig zu verwenden. Wie du schriebst, lieber positiv formulieren, also ohne diese Verneinung. Das ist aber wirklich schwer, weil zumindest ich wirklich oft „nicht“ sage.

      Ein klares „Nein“ aber, das benutze ich auch. Wenn man dann dem Kind auch dabei zeigt, was genau es nicht machen darf, dann funktioniert das schon. Zumindest bei unserem Sohn

  3. Doro sagt

    Ich finde es immer schwierig, sich so einen Knoten ins Hirn zu machen bei der Kommunikation mit meinem Kind. Was darf ich jetzt sagen, was ist korrekt? Dieses in sich Hineinhören kann auch mal zu viel werden. Da habe ich persönlich echt Probleme und verkrampfe dann.
    Und ich glaube schon, dass sie versteht, wenn ich ihr folgendes sage: „Du hast die Schaufel zurück gegeben, das war sehr nett oder lieb von dir.“ Das sage ich ja auch nicht jedes Mal so.
    Unmöglich finde ich persönlich die Ansage: „Jetzt sei aber mal lieb oder brav! Oder noch schlimmer: Das war jetzt aber böse von dir.“

    • Christopher sagt

      Dürfen tut man natürlich vieles. Ich denke aber eh ständig darüber nach, wie das, was ich tue, sich auf mein Kind auswirkt. Dadurch lerne ich seine Reaktionen zu deuten und ihn „richtig“ anzusprechen. So konkret und verständlich wie möglich zu reden, gehört mittlerweile fest zu meinem Alltag.

      „Sei lieb“ und „das war lieb“ sind aber natürlich wirklich zwei Schuhe. „Sei lieb“ finde ich auch gänzlich unangebracht. Bei Variante zwei kann man wirklich streiten :).

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